
Henri Rousseau – der Zollbeamte, der nie Zollbeamter war
Henri Rousseau wurde am 21. Mai 1844 in Laval geboren und starb am 2. September 1910 in Paris. Er ist der bekannteste Autodidakt der modernen Kunstgeschichte: ein Maler, der nie eine Akademie besuchte, nie Frankreich verließ und dennoch die bekanntesten Dschungelbilder der europäischen Malerei schuf. Seinen Stil führen wir auf diesen Seiten zweiteilig – Naive Kunst (Primitivismus), Zeit des Postimpressionismus –, weil der erste Teil sagt, wie er malte, und der zweite, wann. Der Postimpressionismus ist die Epoche, nicht sein Stil.
Den Beinamen Le Douanier, der Zöllner, gab ihm der Schriftsteller Alfred Jarry, und genau dieser Beiname ist der hartnäckigste Fehler seiner Biographie. Rousseau war kein Zöllner. Er war Angestellter der Pariser Stadtakzise, des octroi, die Abgaben auf Waren beim Eintritt in die Stadt erhob. Er hat es selbst gesagt: im einzigen zu seinen Lebzeiten erschienenen Interview erklärte er dem Kritiker Arsène Alexandre, er sei Angestellter der Akzise gewesen und nicht Zöllner, wie man immer gesagt habe (Comœdia, 19. März 1910).
Ein später Anfang und ein Salon ohne Jury
In den frühen 1870er Jahren trat er in den Akzisedienst ein und blieb dort bis zu seiner Pensionierung 1893, mit neunundvierzig Jahren. Ernsthaft zu malen begann er erst in seinen Vierzigern, und dieser späte Anfang ist der Grund, weshalb ihn keine akademische Ausbildung je erreichte. 1884 erhielt er die Erlaubnis, im Louvre zu kopieren, allem Anschein nach mit Hilfe des Malers Félix Auguste Clément (1826–1888); einige Ratschläge holte er sich außerdem bei Jean-Léon Gérôme.
Entscheidend war die Gründung des Salon des Indépendants im Jahr 1884: eine Ausstellung ohne Jury, in der jeder einen Beitrag zahlen und zeigen konnte, was er wollte. Rousseau stellte dort ab 1886 fast jedes Jahr aus, ab 1905 auch im Salon d’Automne. Ohne diese beiden juryfreien Ausstellungen wäre sein Werk aller Wahrscheinlichkeit nach unbekannt geblieben, denn die offiziellen Salons hätten es nie durch die Tür gelassen. Zu den ersten Arbeiten, die er dort zeigte, gehört Ein Karnevalsabend von 1886, eine kleine Nachtszene, die bereits alles enthält, was er später im großen Format tun sollte.
Dschungel, die er nie gesehen hat
Die Legende will, dass Rousseau als Soldat in Mexiko diente und dort einen tropischen Wald sah. Kein Dokument stützt das, und er selbst hat es nie behauptet. Die Wahrheit liegt näher und ist interessanter: Rousseau hat Frankreich nie verlassen. Alles, was er brauchte, fand er in den Pariser Gewächshäusern des Jardin des Plantes, in botanischen Atlanten, in illustrierten Zeitschriften und im Zoo.
Alexandre hat das persönlich bei ihm überprüft und notiert, er habe das Geständnis ohne Mühe erhalten: weiter als bis zu den Gewächshäusern des Jardin des Plantes sei der Maler nie gereist. Im selben Gespräch formulierte Rousseau die genaueste Beschreibung seiner Arbeit, die wir besitzen. Er wisse nicht, sagte er, ob es anderen so gehe wie ihm, aber wenn er diese Gewächshäuser betrete und die fremden Pflanzen aus exotischen Ländern sehe, komme es ihm vor, als trete er in einen Traum. Der Satz steht auf Französisch in der Comœdia vom 19. März 1910, im einzigen Interview mit Rousseau, das zu seinen Lebzeiten erschien.
Genau das ist der Schlüssel zu Bildern wie Der äquatoriale Dschungel und Tiger im tropischen Sturm: es sind keine Reiseberichte, sondern ein Pariser Gewächshaus, von der Vorstellungskraft auf Leinwandgröße erweitert. Aus demselben Material entstanden auch Die fröhlichen Spaßmacher, wo Affen im Unterholz mit sonderbaren Gegenständen umgehen wie Menschen.
Wie die Dschungelbilder tatsächlich gebaut sind
Alexandre beschrieb bei einem Atelierbesuch die Palette des Malers und hielt dabei zwei technische Angaben fest, die sich sonst nirgends finden. Erstens: Rousseau mischte alle Töne eines Bildes auf einmal an, nicht nach und nach. Zweitens: der Kritiker bemerkte, er habe nie eine Palette gesehen, von der so viele Grüntöne strömten. Das ist keine Anekdote über Farbigkeit, sondern die Beschreibung einer Methode.
Tiefe baute er nämlich nicht durch Schattierung auf, sondern durch Schichtung. Blätter, Zweige und Gräser liegen in klaren, scharf umrissenen Schichten hintereinander, jede in ihrem eigenen Grünton, und der Raumeindruck entsteht aus der Abfolge dieser Schichten, nicht aus Licht und Schatten. Deshalb sind seine Wälder flach und tief zugleich. Die Umrisse bleiben bis nach hinten scharf, auch dort, wo ein akademisches Auge ein Weichwerden erwarten würde.
Beim Tiger im tropischen Sturm wurde der Regen über die bereits fertige Oberfläche gemalt, in dünnen schrägen Strichen, sodass das Unwetter wie ein Schleier über der Szene liegt. Diese Abfolge lehrt keine Akademie; er kam allein darauf. Unsere Reproduktionen sind genau deshalb handgemalt in Öl auf Leinwand: die Methode ist sichtbar, Schicht für Schicht, in derselben Reihenfolge wie beim Original.
Erst Spott, dann die Avantgarde
Jahrelang waren die Kritiken vernichtend. Man warf Rousseau kindliche Zeichnung, falsche Perspektive und hölzerne Figuren vor, und seine Gemälde waren im Salon des Indépendants ein stehender Witz. Er verkaufte wenig und lebte bescheiden; nach der Pensionierung besserte er eine kleine Rente mit Zeichen- und Musikunterricht auf.
Die Wende kam von den Jüngeren. 1907 gab Berthe, Gräfin Delaunay, die Mutter des Malers Robert Delaunay, bei ihm Die Schlangenbeschwörerin in Auftrag. 1908 richtete Pablo Picasso ihm im Atelier Bateau-Lavoir ein Bankett aus, ein Ereignis, das Zeitgenossen halb als Ehrung und halb als Scherz beschrieben, und beides trifft zu. Guillaume Apollinaire, Robert Delaunay und später die Surrealisten sahen in seiner Arbeit, was die akademischen Kritiker übersehen hatten: dass Flächigkeit und harte Umrisse eine Entscheidung waren und kein Unvermögen.
Das letzte Jahr und Der Traum
Im März 1910 schickte er Der Traum an den Salon des Indépendants, sein letztes großes Gemälde: eine Frau auf einem Samtsofa mitten im Dschungel, umgeben von Lotosblüten, Löwen, Vögeln und einer dunklen Gestalt mit einer Flöte. Er begleitete es mit einem kurzen Gedicht. Alexandre wollte wissen, woher der Name der schlafenden Frau stamme, und Rousseau antwortete, so habe eine junge Polin geheißen, die er in seiner Jugend gekannt habe. In derselben Antwort korrigierte er auch den Beinamen: Angestellter der Akzise, nicht Zöllner.
Im März desselben Jahres entzündete sich sein Bein. Er nahm die Entzündung nicht ernst; im August wurde er in das Pariser Necker-Krankenhaus aufgenommen, wo man Wundbrand feststellte. Er starb am 2. September 1910 im Alter von sechsundsechzig Jahren und malte bis kurz vor dem Ende.
Das Grab in Laval
Bestattet wurde er in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof von Bagneux, eine Angabe, die die meisten Biographien auslassen. Am 12. Oktober 1947 wurden seine sterblichen Überreste in sein heimatliches Laval überführt, in den Park Jardins de la Perrine, wo sie sich heute befinden. Auf dem Grabstein steht kein Hinweis auf den Zolldienst, sondern ein Gedicht, das Guillaume Apollinaire für ihn schrieb; in den Stein geschlagen haben es der Bildhauer Constantin Brâncuși und der Maler Ortiz de Zárate.
Wo die Bilder heute hängen
Die Schlangenbeschwörerin befindet sich heute im Pariser Musée d’Orsay. Ihr Weg dorthin erklärt einen häufigen Irrtum: Jacques Doucet kaufte sie 1922, 1936 wurde sie dem Louvre vermacht, und bei der Eröffnung des Musée d’Orsay 1986 wanderte sie mit der übrigen Malerei nach 1848 dorthin. Im Louvre war sie also; heute ist sie nicht mehr dort.
Die schlafende Zigeunerin und Der Traum hängen im Museum of Modern Art in New York, Das Mahl des Löwen im Metropolitan Museum of Art in derselben Stadt, Tiger im tropischen Sturm in der National Gallery in London und Blumenstrauß in der Tate. Einzelne Werke besitzen außerdem das Kunstmuseum Basel und das Artizon Museum in Tokio, das bis 2020 Bridgestone hieß – eine Umbenennung, die seine Bilder in älteren Katalogen schwer auffindbar macht. Das gesamte Angebot finden Sie in unserer Sammlung von Henri-Rousseau-Reproduktionen.
Häufige Fragen zu Henri Rousseau
Hat Henri Rousseau je einen tropischen Wald gesehen?
Nein. Rousseau hat Frankreich nie verlassen. Die Geschichte vom Militärdienst in Mexiko ist durch kein Dokument gestützt, und er selbst hat sie nie angeführt. Die Pflanzen studierte er in den Gewächshäusern des Pariser Jardin des Plantes, die Tiere im Zoo, und die Blattformen zeichnete er aus botanischen Büchern und illustrierten Zeitschriften ab.
Warum nennt man ihn Le Douanier, den Zöllner?
Den Beinamen gab ihm der Schriftsteller Alfred Jarry, und er ist ungenau. Rousseau arbeitete für die Pariser Stadtakzise (octroi), die Abgaben auf Waren beim Eintritt in die Stadt erhob, und nicht für den Zoll. Er hat das in seinem Comœdia-Interview vom 19. März 1910 selbst richtiggestellt. Der Beiname blieb dennoch haften und wird bis heute verwendet.
Wann begann Rousseau zu malen?
Ernsthaft erst in seinen Vierzigern, neben dem Akzisedienst, den er bis zur Pensionierung 1893 versah. Eine akademische Ausbildung hatte er nicht; 1884 erhielt er die Erlaubnis, im Louvre zu kopieren, und holte sich einige Ratschläge bei den Malern Félix Auguste Clément und Jean-Léon Gérôme.
Wie ging er beim Malen vor?
Er mischte alle Töne eines Bildes auf einmal an und baute Tiefe durch Schichtung statt durch Schattierung: Blätter und Zweige liegen in scharf umrissenen Schichten hintereinander, jede in ihrem eigenen Grünton. Die Umrisse bleiben auch in der Ferne scharf. Beim Tiger im tropischen Sturm wurde der Regen über die bereits fertige Oberfläche gemalt.
Welches ist sein berühmtestes Gemälde?
Meist Der Traum von 1910, seine letzte große Leinwand, und Die schlafende Zigeunerin von 1897; beide hängen im Museum of Modern Art in New York. Unter den Dschungelszenen ist Tiger im tropischen Sturm von 1891 am bekanntesten, in der National Gallery in London.
Wo ist Henri Rousseau begraben?
Zunächst in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof von Bagneux bei Paris. Am 12. Oktober 1947 wurden seine Überreste in sein heimatliches Laval überführt, in den Park Jardins de la Perrine, wo er heute ruht. Auf dem Grabstein steht ein Gedicht von Guillaume Apollinaire, das Constantin Brâncuși und Ortiz de Zárate in den Stein geschlagen haben.
