Beschreibung
Bildnis von Gustave Geffroy – das Gemälde, das sein Maler unvollendet ließ
Gustave Geffroy sitzt an einem Tisch in seinem Arbeitszimmer, leicht vorgebeugt, die Hände über einem aufgeschlagenen Buch. Hinter ihm steigt eine Wand aus Bücherregalen bis an den oberen Rand der Leinwand, und die Buchrücken sind als Blöcke aus Rot, Orange, Blau und Gelb gemalt. Vor ihm liegen weitere aufgeschlagene Bände und lose Blätter, links stehen eine weiße Gipsfigur und eine weiße Blüte in blauer Vase, rechts unten ein dunkles Tintenfass. Das handgemalte Gemälde auf Leinwand gibt diese Arbeit Cézannes von 1895 bis 1896 wieder, die im Original 116 × 89 Zentimeter misst und im Musée d’Orsay in Paris unter der Inventarnummer RF 1969 29 verwahrt wird.
Wer Gustave Geffroy war
Gustave Geffroy wurde am 1. Juni 1855 in Paris geboren und starb dort am 4. April 1926. Ab dem 15. Januar 1880 schrieb er für La Justice, die Zeitung von Georges Clemenceau, und über diese Redaktion lernte er den Politiker kennen, der ihm Jahrzehnte später ein Amt verschaffen sollte. Claude Monet begegnete er 1886 auf Belle-Île-en-Mer, wohin er für eine Recherche über Gefängnisse gereist war; aus dieser zufälligen Begegnung erwuchs die Freundschaft, die Cézanne schließlich in dieses Arbeitszimmer führte.
Geffroy war kein Liebhaber am Rande. Seine Histoire de l’impressionnisme erschien 1892, seine La Vie artistique wuchs zwischen 1892 und 1903 auf acht Bände an – er gehört damit zu den frühesten Historikern einer Bewegung, über die er schrieb, während sie noch stattfand. 1900 wurde er eines der zehn Gründungsmitglieder der Académie Goncourt. 1908 ernannte ihn Clemenceau zum Direktor der staatlichen Teppichmanufaktur Gobelins, ein Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte. Dazu kamen L’Enfermé (1897) und ein Buch über Claude Monet, 1922 in Paris bei Crès verlegt. Die Regale in seinem Rücken sind also keine Dekoration, sondern die Arbeitsbibliothek eines Mannes, der vom Schreiben lebte.
Drei Monate Sitzungen und ein Brief an Monet
Im März 1894 veröffentlichte Geffroy in Le Journal einen wohlwollenden Artikel über Cézanne. Im November desselben Jahres arrangierte Monet ein Treffen der beiden; es endete abrupt. Im April 1895 schrieb Cézanne an Geffroy und bat darum, ihn malen zu dürfen, und von April bis Juli jenes Jahres saß Geffroy täglich Modell, drei Monate lang, in seinem eigenen Arbeitszimmer.
Dann hörte Cézanne auf, ließ die Leinwand stehen, wo sie stand, und reiste heim nach Aix-en-Provence. Am 6. Juli schrieb er an Monet: „Ich bin ein wenig betrübt über das magere Ergebnis, das ich erzielt habe, zumal nach so vielen Sitzungen und aufeinanderfolgenden Anfällen von Begeisterung und Verzweiflung.“ Nach Geffroys eigener Schilderung sagte der Maler, die Aufgabe übersteige seine Kräfte. Warum er abbrach, wird seit über hundert Jahren erörtert – genannt werden Groll gegen den Kritiker, Politik, ein malerischer Grundsatz, Religion –, doch belegt ist nichts davon, und wir treffen hier keine Wahl zwischen den Deutungen.
Was „unvollendet“ an dieser Leinwand heißt
Am wenigsten ausgeführt sind das Gesicht und die Hände. Die Hände über dem Buch stehen als helle Flächen da, ohne Fingerknöchel; das Gesicht ist aus breiten Aufträgen gebaut, und der Blick geht am Betrachter vorbei. Die Bibliothek dahinter ist dagegen weit vorangetrieben: Jeder Buchrücken ist ein einziger geladener Pinselzug, und gerade diese senkrechten Farbblöcke geben dem Werk den Rhythmus, den die Gestalt allein nicht hat. Der Werkkatalog verzeichnet für diese Leinwand unter den Stilllebengegenständen ein einziges Stichwort – Buch –, obwohl die Bücher hier eine ganze Wand füllen. So zeigt die Leinwand zwei Handschriften zugleich: rasch und sicher im Hintergrund, langsam und zögernd in der Mitte.
Vom Modell, das saß, an den französischen Staat
Zunächst blieb das Werk bei Geffroy selbst. Am 28. Januar 1907 ging es an die Galerie Bernheim-Jeune in Paris und von dort an den Sammler Auguste Pellerin. Danach war es bei der Familie René Lecomte in Paris; 1969 kam es an das Musée du Louvre und 2000 an das Musée d’Orsay. Der Museumseintrag nennt den Schenker ausdrücklich: „Geschenk der Familie Pellerin, 1969“. Die Leinwand blieb also zweiundsechzig Jahre in derselben Familie und wurde am Ende nicht verkauft, sondern dem Staat geschenkt.
An einem Tag abgegeben, am nächsten gekauft
In der Provenienz stehen zwei Daten, und dazwischen liegt ein einziger Tag. Die Galerie Bernheim-Jeune übernahm das Werk am 28. Januar 1907, Auguste Pellerin kaufte es am 29. Januar 1907. Das Bildnis, das sein Urheber für ein mageres Ergebnis hielt und nicht zu Ende führen wollte, stand beim Händler vierundzwanzig Stunden. Noch im selben Jahr, vom 1. bis 22. Oktober 1907, hing es als Nummer 16 in der Cézanne-Retrospektive des Salon d’Automne im Grand Palais, ausgeliehen eben von Pellerin.
Die Ausstellungen – und die Zeitschriften nach seinem Tod
Zum ersten Mal öffentlich zu sehen war die Leinwand im April 1903 bei Bernheim-Jeune, unter dem Titel La bibliothèque und als Leihgabe Geffroys selbst. Es folgten 1936 das Musée de l’Orangerie, 1957 die Pariser Bibliothèque nationale mit Gustave Geffroy et l’art moderne, wo das Werk den Katalogumschlag zierte, und 1977 das MoMA in New York mit Cézanne: The Late Work, dort als Nummer 1 und damit als Eröffnungswerk, bevor es nach Houston und ins Grand Palais weiterreiste. 2017 war es im Musée d’Orsay in Cézanne Portraits zu sehen, einer Schau, die anschließend in der National Portrait Gallery in London und in der National Gallery of Art in Washington gastierte.
Geffroy starb am 4. April 1926. Elf Tage später, am 15. April 1926, brachten zwei Pariser Kunstzeitschriften genau diese Leinwand: L’Art vivant unter dem Titel „Gustave Geffroy aux Gobelins“ und Le Bulletin de la vie artistique in der Rubrik „Les disparus“. Das Werk, das Cézanne mit unvollendetem Gesicht zurückgelassen hatte, wurde so zu der Darstellung, mit der man sich an ihn erinnerte. Bei uns gibt es dieses Wandgemälde in fünfzehn Formaten von 42 × 55 bis 138 × 180 Zentimetern; Zwischenmaße spannen wir auf einen Keilrahmen nach Maß, und wie es an der Wand wirkt, zeigt vorab unsere 3D-Anwendung. Aus derselben Pariser Sammlung stammen auch Frau mit Kaffeekanne und Selbstbildnis vor rosafarbenem Grund, und im selben Haus hängt Bildnis des Malers Achille Emperaire.
- Motiv: Bildnis von Gustave Geffroy, Paul Cézanne, 1895-1896, Musée d’Orsay, Paris
- Technik: handgemaltes Gemälde, Öl auf Leinwand, Reproduktion
- Größen: 15 Formate, auf Wunsch auch Sondergröße nach Maß
- Wissenswertes: der Maler ließ die Leinwand nach drei Monaten täglicher Sitzungen unvollendet, und beim Händler fand sie schon am folgenden Tag einen Käufer









































